Eve

Erst recht, wenn es bei besagtem F-Wort um tatsächlichen Geschlechtsverkehr geht und nicht bloß um eine lautstarke grammatikalische Untermalung.

(»Tatsächlicher Geschlechtsverkehr.« »Lautstarke grammatikalische Untermalung.« Ich bin so ein verdammter Nerd.)

Er grinst, als er meine Reaktion sieht. »Bisschen zu weit gegangen?«

»Ein kleines Bisschen«, pflichte ich ihm bei. Ich versuche diesen schmalen Grat zu wandern: Ihm klarzumachen, dass ich nicht so ein Mädchen bin … aber auch nicht direkt zu wollen, dass er aufhört.

»Wie heißt du?«, fragt er.

»Eve Saunders«, antworte ich. Ich frage bewusst nicht nach seinem Namen, weil ich nicht zu begierig wirken will.

»Musst du für deinen Job eigentlich manchmal Präsentationen halten, Eve?«, fragt er völlig unvermittelt.

Ich bin ein wenig überrascht, dass er nicht mit Bist du Schauspielerin? eingestiegen ist. Aber Pluspunkte dafür, dass er nicht einfach davon ausgeht. Ich hasse es, dass jeder Typ, den ich in LA treffe, denkt, ich sei Schauspielerin und nicht etwa Ärztin oder Anwältin. Oder irgendwas, wo der IQ wichtiger ist als die Körbchengröße.

»Äh … ja … manchmal. Warum?«

»Bist du vorher nervös?«

»Ja.«

»Aber dann kommst du rein, die ganze Nervosität verfliegt, du lässt dich einfach treiben und am Ende ist alles unglaublich und fühlt sich phänomenal an.«

Ich runzle die Stirn. »… ja?«

»Es gibt eine Menge solcher Situationen im Leben«, sagt er mit hochgezogener Augenbraue und einem Lächeln.

Sofort glühen meine Wangen noch heißer als zuvor.

Er redet von sexueller Spannung.

Und … Sex.

Glaube ich zumindest.

Ich bin so was von überhaupt nicht bereit, die sexuelle Spannung zwischen uns jetzt anzuerkennen. Oder auch nur zu zeigen, dass ich kapiere, dass er von Sex redet. (Obwohl mein Erröten das wohl schon erledigt hat, verdammt noch mal.)

Aber ich frage mich SEHR WOHL, wie es wohl wäre, ihn zu küssen.

Eine Sache, die mich wahnsinnig beeindruckt?

Ich trage ein ziemlich tief ausgeschnittenes Kleid, aber seine Augen wandern nicht ein einziges Mal zu meinem Dekolleté. Nicht ein einziges Mal. Er sieht mir entweder direkt in die Augen oder schaut sich im Raum um. Dazwischen gibt es nichts.

»Keine Antwort?«, fragt er.

»Ich – ich muss dir das wohl einfach glauben«, stammle ich, völlig überfordert damit, was zur Hölle ich sagen soll.

»Ich möchte dir etwas zeigen«, sagt er und nimmt mein Handgelenk in seine Hand. Seine sehr große, sehr kräftige Hand.

Er zieht mich hinter sich her, während er quer durch den Hotelsaal marschiert. Ich folge ihm einfach, tappe hinter ihm her, meine Clutch unter den Arm geklemmt. Keinerlei Protest von meiner Seite – eher aus Überraschung als aus irgendetwas anderem. Ich werde normalerweise nicht so von Männern herumgeführt. Schon gar nicht von extrem heißen, mächtigen Männern. Ich würde es niemals laut zugeben, aber ich mag das Gefühl, wie er meinen Arm hält und mich führt. Ehrlich gesagt: So scharf wie ich in diesem Moment bin – und nach all dem Champagner, gepaart mit dem Fakt, wie verdammt heiß er ist – könnte er mich wahrscheinlich fast überallhin mitnehmen.

Aber er bringt mich nicht zu den Fahrstühlen oder auf ein Hotelzimmer oder irgendetwas in der Art. Er führt mich eine Treppe hinauf auf die Empore.

Dann bringt er mich in eine kleine Nische, die wie eine Sackgasse aussieht …

… doch er drückt auf drei ganz bestimmte Stellen an der Wand und plötzlich öffnet sich aus dem Nichts eine Tür. Keine Klinke, keine sichtbaren Ritzen in der Wand.

Es ist ein echter Geheimgang.

Wir treten auf eine kleine Kolonnade hinaus, einen drei Meter langen Balkon mit vielen Säulen, die uns vor neugierigen Blicken schützen. Wir sind im vierten Stock über dem Straßenniveau, daher gibt es ohnehin nicht viele neugierige Blicke, aber es ist verdammt cool.

Dazu kommt die Tatsache, dass die gesamte Wand hinter uns aus Glas besteht. Dunklem Glas. Leute von der Wohltätigkeitsgala laufen vorbei, völlig ahnungslos über unsere Anwesenheit. Eine Frau bleibt nur wenige Schritte von uns entfernt stehen und prüft ihren Lippenstift, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, uns zu sehen.

Da wird mir klar: Die andere Seite des Glases ist einer dieser deckenhohen, sechs Meter langen Spiegel.

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