Wir können alle im Hotel sehen, aber niemand sieht uns.
»Woher wusstest du, dass das hier ist?«, staune ich.
»Weil ich es gebaut habe.«
»Jaa, klar«, spotte ich. »Du bist also der Architekt?«
Er grinst. »Der bin ich.«
»Aber das ist ein Grant-Carlson-Gebäude … ohhh Scheiße«, sage ich, schlage mir die Hand vor den Mund und reiße die Augen weit auf.
Grant Carlson ist der angesagteste Architekt der Gegenwart. Denk an den Ruhm eines Frank Gehry. Nein, eigentlich eher wie Frank Lloyd Wright.
Nur dass Grant Carlson anscheinend ein verdammt heißer Typ Ende zwanzig ist.
Ich hatte ja keine Ahnung. Ich hatte seinen Namen mal im Radio gehört und so weiter. Das Modern Museum of Art verlegt die Hälfte seiner Sammlung in den neuen Komplex, der von Grant Carlson entworfen wurde. Die spanische Regierung hat Grant Carlson gerade erst mit einem neuen Nationalmuseum in Barcelona beauftragt. Grant Carlson hat vor Kurzem die Entwürfe für das neue Gebäude der Wall Street Börse enthüllt.
Aber ich wusste nicht, wie er aussieht. Mal ehrlich – wie viele von euch wissen schon, wie Frank Gehry aussieht? Oder Frank Lloyd Wright?
Grant Carlsons Arbeit sprach für ihn. Riesige, imposante Gebäude, die erhabene Schönheit mit verspielter Leichtigkeit verbanden. Stahl, Glas, Marmor, Granit – das waren die Dinge, die er der Welt präsentieren wollte. Nicht sein Foto.
Nachdem ich ihn jetzt vor mir sehe, verstehe ich es gewissermaßen. Bei seinem Anblick würde sich wohl kaum eine Frau mehr für seine Gebäude interessieren.
Noch ein interessanter Fakt über Grant Carlson: Er ist Milliardär.
Er ist nicht nur der gefeiertste lebende Architekt, ihm gehört auch ein Teil eines multinationalen Bauunternehmens, das von seiner Familie gegründet wurde. Seine Gebäude sind so unglaublich, weil er jede einzelne Phase des Baus kontrolliert – von den Bauplänen bis hin zu den Zierleisten in den einzelnen Räumen.
Und er macht niemals, wirklich niemals Kompromisse. Qualität geht über alles.
Nun ja, außer vielleicht im echten Leben. Da geht Hotness wohl über alles.
Ich stehe da und fühle mich plötzlich extrem schüchtern und verletzlich.
Er sieht auf mich herab und grinst. »Du hast also von mir gehört.«
Ich nicke. Ich kann kein Wort herausbringen.
»Ich hätte dir das nicht sagen sollen«, seufzt er. »Alle klappen dann immer gleich zusammen.«
»Tja, wenn du sie so überrumpelst, kann ich das durchaus verstehen.«
»Du schlägst dich eigentlich ziemlich wacker«, sagt er und kommt näher. So nah, dass ich die Wärme seines Körpers in der kühlen Nachtluft spüren kann.
Oh mein Gott oh mein Gott oh mein Gott. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, mich wacker zu schlagen. Aber das werde ich Teufel tun und zugeben.
»Du hast das also hier eingebaut?«, frage ich, um die Aufmerksamkeit von mir abzulenken und wieder auf irgendetwas anderes zu lenken. »Diesen Geheimgang?«
»Das ist nur einer von einem Dutzend in diesem Gebäude.«
»Ich baue sie in jedes einzelne meiner Werke ein. Vom Einfamilienhaus bis zum Wolkenkratzer.«
»Weil ich es kann.« Er grinst. »Schon als Kind war ich fasziniert von Geheimgängen. Als ich fünf war, habe ich dieses Anwesen namens Winchester House besucht. Schon mal davon gehört?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein.«
»Das ist ein victorianisches Anwesen in San Jose, erbaut von einer verschrobenen alten Dame, die felsenfest davon überzeugt war, dass Geistwesen versuchten, sie umzubringen. Also hat sie das Haus über Jahre hinweg immer weiter angebaut – mit tonnenweise Geheimräumen und Treppen, die im Nichts endeten, nur um die Geister zu verwirren und einzusperren. Es ist mein absoluter Lieblingsort auf der ganzen Welt. Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich Architekt werden wollte. Mit fünf Jahren kannte ich das Wort dafür noch gar nicht – aber ich wollte Häuser mit Geheimgängen bauen. Und genau das tue ich jetzt.«
Ich lache. »Das ist echt cool.«
»Außerdem haben Geheimgänge den unschätzbaren Vorteil von Momenten wie diesem«, sagt er, lächelt und blickt mir tief in die Augen.
Meine innere Temperatur schnellt steil nach oben. Seine Augen … sie sind flüssiges Braun. Stechend … sexy …
Ich werde viel zu scharf.
Ich habe ein bisschen Angst vor dem, was passieren könnte.
Obwohl ich absolut will, dass es passiert.
Mein Herz klopft so schnell …
»Ich … ich glaube, wir sollten wieder reingehen …«
»Du glaubst, wir sollten wieder reingehen?«, wiederholt er sanft, während er sich zu mir herabbeugt. Sein Gesicht ist nur noch Zentimeter von meinem entfernt.
Er ist so groß, dass ich den Kopf heben muss, um ihn anzusehen. Was die perfekte Position zum Küssen ist …
Und er ist so nah. Ich spüre die Hitze, die von seinem Gesicht ausgeht … oder vielleicht ist es auch die Hitze von meinem eigenen, weil ich weiß, dass ich schon wieder rot werde.
»… j-ja … wir sollten reingehen …«
»Okay«, flüstert er, genau in dem Moment, als er die letzte Distanz überwindet und mich küsst.