Eve

Was mich wirklich ankotzt, ist, dass sie mich nicht ernst nehmen. Zumindest so lange nicht, bis ich sie vor allen bloßstelle, indem ich ihren grottigen Code in unter fünf Minuten neu schreibe. Danach murmeln sie meistens etwas Unverschämtes vor sich hin und verkrümeln sich.

Tja. Hübsche Computerbraut. Introvertiert. Arbeitet für eine große IT-Sicherheitsfirma als Forensik-Datenanalystin. Game of Thrones. Cupcakes. Geht gelegentlich zu Hair-Metal-Parodie-Bands.

Mein Leben ist meistens ziemlich stinklangweilig.

Oder war es zumindest – bis zu der Nacht der Hollywood Charity Gala.

Da wurden die Dinge plötzlich ein wenig … seltsam.

Und heiß.

Verdammt noch mal heiß.

Die Firma, für die ich arbeite, Obsidian Internet Security, wird ständig zu diesen Wohltätigkeitsveranstaltungen der Filmbranche eingeladen, weil einige unserer größten Kunden Filmstudios sind. Erinnerst du dich noch daran, als die Nordkoreaner Sony Pictures gehackt haben, weil sie diesen Film rausbringen wollten, in dem Seth Rogen und James Franco Kim Jong-un attentieren sollten? Ja. Wahrscheinlich erinnerst du dich gar nicht mehr oder nur noch vage daran. Aber die Filmstudios haben sich danach im Grunde komplett in die Hose geschissen und jede Menge Kohle hingeblättert, um sicherzustellen, dass ihre privaten E-Mails nicht in den Abendnachrichten breitgetreten werden.

Da meine Firma zu vielen dieser Events eingeladen wird, werde ich auch ständig eingeladen. Oder eher gesagt: dazu verdonnert. Ich bin eine gute Repräsentantin. Ich bin die einzige Frau in meiner Abteilung. Ich besitze die besten sozialen Fähigkeiten unter meinen Kollegen (was wirklich keine Kunst ist, glaub mir). Und ehrlich gesagt sehe ich in einem engen, schwarzen Kleid verdammt gut aus. Also schickt mich mein Chef zu diesen Schickimicki-Sausen.

Der einzige Lichtblick ist, dass es auf diesen Partys von Schauspielerinnen und Models nur so wimmelt, weshalb ich überhaupt nicht auffalle. Ehrlich gesagt gehöre ich eher zur kurvigeren Fraktion. (Ich habe ja gesagt, dass ich Cupcakes liebe.) Auch wenn ich gelegentlich von ein paar kahlköpfigen Studiobossen vollgesabbert werde, rennen sie normalerweise den Bohnenstangen mit Silikonbrüsten hinterher.

Außerdem gibt es kostenlosen Champagner.

Jedenfalls bin ich auf dieser Hollywood Charity Gala, die im dritten Stock des Dubai Hotels auf dem Sunset Strip stattfindet. Es ist ziemlich abgefahren – und wahrscheinlich der prunkvollste Ort, den ich je gesehen habe. Plüschiger Teppich. Überall sechs Meter hohe, deckenhohe Spiegel. Wunderschöne Schnitzereien in den dunklen Eichenwänden. Als hätte jemand die coolsten Teile von Versailles genommen und sie mitten in einem Hotel des 21. Jahrhunderts geparkt.

Ich mische mich unter die Leute, versuche aber, Blickkontakt zu vermeiden. Ich weiche den alten, geilen Studiobossen aus, trinke meinen Gratis-Champagner und halte meine kleine schwarze Clutch, als er auf mich zukommt.

Er ist groß. Eins neunzig. Ende zwanzig, höchstens dreißig. Kurze, dunkle Haare. Sieht aus wie ein junger Hugh Jackman. Superteurer Smoking mit einer makellosen Fliege. Breite Schultern. Kraftvoller Körperbau. Verschmitzte Augen. Ein leichtes Lächeln auf seinen extrem küssbaren Lippen.

Jetzt weiß ich endlich, wie sich meine Kollegen fühlen, wenn sie mich anstarren.

(Das soll kein Eigenlob sein. Wenn überhaupt, stutzt es mein Ego eher ein Stück. Zeit für eine Analogie: Der Kausalzusammenhang zwischen dem Super-Hot-Guy und Eve ist genau derselbe wie der zwischen Eve und 27-jährigen jungfräulichen Programmierern. Siehst du? Ich hänge das hier absolut nicht an die große Glocke.)

Meine weiblichen Teile schreien sofort: Bazinga! Er ist so, sooooo heiß. Aber ich gehe davon aus, dass er an mir vorbeisieht und jemand anderen meint.

Doch dann kommt er herüber und stellt sich leicht schräg neben mich. Er sieht mich an, blickt aber immer wieder durch den Raum, als würden wir ein geheimes Gespräch führen, das niemand sonst mitbekommen soll.

Er riecht fantastisch. Eine Mischung aus Sandelholz und Moschus – exotisch und unmöglich genau zu identifizieren.

»Sie wirken hier irgendwie fehl am Platz«, sagt er. Sein Tonfall ist extrem flirtend.

»Warum das denn?«, frage ich und rechne sofort damit, dass er mich gleich dafür aufzieht, kein klapperdürres Model zu sein.

»Sie sehen nicht so aus, als wollten Sie hier irgendwen über den Tisch ziehen.«

Ich lache. »Tja, der Abend ist noch jung.«

Er grinst. »Ihnen ist klar, dass ich gesagt habe: ›Sie sehen nicht so aus, als wollten Sie hier irgendwen über den Tisch ziehen‹, oder? Was am Ende übrig bleibt, ist reine Ansichtssache.«

Ich laufe sofort rot an. Ich bin eigentlich nicht die Art von Frau, die das F-Wort so mir nichts, dir nichts in einem beiläufigen Gespräch bringt. Schon gar nicht in einem beiläufigen Gespräch mit einem unfassbar heißen Typen.

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