Mundo ficciónIniciar sesiónRuby
Die Tage nach dem Café verschwammen zu einem einzigen Nebel. Ich versuchte, den Vorschlag zu vergessen, versuchte bestimmt zehnmal am Tag, diese Karte wegzuwerfen, aber am Ende landete sie immer wieder in der Schublade. Ich stand früh auf, nahm kalte Duschen, um meinen Kopf zu klären, ging zur Arbeit, kam nach Hause, aß irgendetwas, legte mich hin und starrte an die rissige Decke meiner Wohnung, bis ich einschlief. Alles normal. Und doch war nichts normal. Denn die Idee eines Neuanfangs ließ mich nicht los. Genauso wenig wie sein Blick. Oder seine tiefe Stimme, die sagte: — „Du wirst nicht mehr betteln müssen.“ Die Wohnung war ein Loch. Der Kühlschrank klang wie ein startendes Flugzeug. Mein Gehalt reichte kaum für Miete, Strom und Lebensmittel. Und jedes Mal, wenn ich mein Handy öffnete, war Ethan in den Klatschschlagzeilen: — „Ethan Storm und Jacob Silus beim Dinner in Mayfair. Die gefragtesten Geschäftspartner Londons.“ Er hatte noch nicht einmal bemerkt, dass ich gegangen war. Wochen waren vergangen, seit ich die Villa verlassen hatte, und die ganze Welt glaubte immer noch, ich sei Mrs. Storm. Das tat mehr weh, als ich zugeben wollte. Am Mittwoch brach alles zusammen. Ein großer Kunde sagte ein Event in letzter Minute ab. Alexis verlor vor allen die Kontrolle, schrie, dass jemand dafür bezahlen würde, und am späten Nachmittag rief sie mich in ihr Büro. — „Ruby, es tut mir leid, aber wir müssen Kosten sparen. Du bist die Letzte, die eingestellt wurde… du weißt, wie das ist.“ Ich nickte nur. Nahm meine Tasche und ging, ohne mich zu verabschieden. Nieselregen, beißende Kälte. Ich lief nach Hause, mit dem bitteren Geschmack von Versagen im Mund. Als ich an meiner Wohnungstür ankam, traf mich der Duft von Blumen wie ein Schlag. Ein riesiger Strauß weißer Lilien stand vor meiner Tür, auf einem kleinen Tisch im Flur. Kein Vase, nur die Blumen und eine schwarze Karte. — „Manchmal ist das, was wie Wahnsinn aussieht, nur der Anfang eines neuen Lebens. — A.S.“ Ich ging mit den Blumen und der Karte hinein. Ich sah sie noch an, als mein Handy klingelte. Unbekannte Nummer. — „Hallo?“ — „Ich habe an dich gedacht. Ich habe seit unserem Treffen im Café nicht aufgehört, an dich zu denken.“ — seine Stimme, ruhig und rau. Mein Herz raste. — „Ist das eine Art Stalking, Andrew? Und ich frage gar nicht erst, wie du meine Nummer bekommen hast.“ — „Nenn es, wie du willst.“ — Er lachte leise. — „Aber ich hatte recht, oder? Du bist es leid, nur zu überleben.“ Ich setzte mich auf den Boden, lehnte mich gegen die Tür und atmete tief durch. — „Ich will keinen neuen Besitzer.“ — „Und ich will keine unterwürfige Ehefrau. Ich will eine Partnerin, Ruby. Jemanden, der sich entscheidet, an meiner Seite zu sein, nicht jemanden, der dazu gezwungen wird.“ Ich schwieg einen Moment. Ich konnte sein Atmen am anderen Ende der Leitung hören. — „Triff mich morgen“, fuhr er fort. — „Ganz unverbindlich. Nur ein Gespräch. Wenn es dir nicht gefällt, gehst du und siehst mich nie wieder.“ Ich schloss die Augen. — „Okay. Bis morgen.“ Ich legte auf, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Am nächsten Tag zog ich mein bestes Kleid an, das ich noch hatte – ein schlichtes dunkelblaues –, ließ meine Haare offen, trug nur wenig Make-up. Ich nahm die U-Bahn nach Canary Wharf und fuhr mit flauem Magen in den sechzigsten Stock der Sinclair Tech. Das Büro war eine andere Welt. Glaswände, weiße Lichter, Menschen in Anzügen, die in fünf Sprachen sprachen. Die Sekretärin führte mich direkt ins Penthouse. Die Tür öffnete sich, und da stand er. Andrew, in einem dunkelgrauen Hemd, die Ärmel locker hochgekrempelt, ohne Jackett. Noch attraktiver, als ich ihn in Erinnerung hatte. — „Du bist gekommen“, sagte er, mit einem Lächeln, das nicht nach Sieg aussah, sondern nach Erleichterung. Er sprach nicht viel. Nahm einfach meine Hand und führte mich auf die Terrasse. Ganz London unter uns, die Themse glitzernd, der graue Himmel begann aufzureißen. — „Das alles hier“ — er machte eine weite Geste — „habe ich in zwanzig Jahren aufgebaut. Und trotzdem erwartet mich zu Hause nur Stille.“ Ich sah ihn an. — „Deshalb willst du heiraten? Wegen der Stille, der Einsamkeit?“ — „Ich will etwas aufbauen, das man nicht kaufen kann.“ — Er drehte sich zu mir, ernst. — „Ein Vermächtnis. Ein Kind. Jemanden, der weitermacht, wenn ich nicht mehr da bin.“ Ein Schauer lief mir über den Rücken, aber ich fragte nicht weiter. Er reichte mir eine schwarze Mappe. — „Lies. Alles steht drin.“ Ich öffnete sie. Ein Ehevertrag. Zwei Seiten. Klare Klauseln: zwei Jahre, verlängerbar im gegenseitigen Einvernehmen. Vollständige Freiheit in Bezug auf Zeit, Freunde, Reisen. Absolute Vertraulichkeit. Ein gemeinsames Konto mit einem monatlichen Betrag, der mich die Augen aufreißen ließ. Und die letzte Klausel, hervorgehoben: — „Die intime Beziehung erfolgt ausschließlich mit ausdrücklicher und begeisterter Zustimmung der Ehefrau, jederzeit, ohne Druck oder Verpflichtung.“ Ich las es dreimal. — „Es steht alles da, schwarz auf weiß“, sagte er leise. — „Keine Verpflichtungen. Nur Entscheidungen.“ Ich hob den Blick. Er stand nah. Zu nah. — „Warum ich, Andrew? Du könntest jede Frau haben.“ — „Weil du echt bist.“ — Er nahm mein Gesicht in beide Hände, sein Daumen strich über meine Wange. — „Weil ich auf dieser Party, am anderen Ende des Saals, die schönste und zugleich traurigste Frau gesehen habe, die je in mein Leben getreten ist. Und ich habe entschieden, dass ich diese Traurigkeit aus deinen Augen verschwinden sehen will.“ Die Tränen kamen, ohne dass ich es wollte. Er wischte sie mit dem Daumen weg. — „Ich bin nicht die Art Frau, die ein Mann wie du auswählt“, flüsterte ich. — „Genau deshalb habe ich dich ausgewählt.“ Ich atmete tief durch. Nahm den Stift, den er mir reichte. Meine Hand zitterte. Ich unterschrieb auf der Linie. Ruby Wilder. Er nahm den Vertrag, steckte ihn in die Innentasche seines Sakkos und lächelte wirklich. — „Jetzt bist du meine Ehefrau auf dem Papier.“ — Er trat einen Schritt näher, so nah, dass ich seine Wärme spüren konnte. — „Jetzt fehlt nur noch das echte Leben.“ Ich hob das Gesicht. Er küsste mich nicht. Er blieb einfach stehen und wartete. Und ich verstand, dass die Entscheidung immer noch meine war. Immer.