Mundo ficciónIniciar sesión"Isabella"
Camila schleppte mich in die Kanzlei von Heloísa Teixeira, einer auf Scheidungen spezialisierten Anwältin, die sie in den sozialen Medien ausfindig gemacht hatte. Die Frau war eine sympathische ältere Dame, die mir aufmerksam zuhörte und versprach, sich um alles zu kümmern.
Doch als sie mich einige Tage später in ihr Büro rief, um den Fortschritt des Verfahrens zu besprechen, wurde mir klar, dass dieser Albtraum kein Ende hatte.
Bei der Vermögensaufstellung hatte Carlos alle Dokumente eingereicht: von der Firma, dem Haus, den Ersparnissen. Aber nichts davon lief auf seinen Namen oder auf meinen. Alles war bereits vor über einem Jahr auf seinen Bruder übertragen worden – die Firma, das Haus und sogar das Auto.
Die Anwältin erklärte mir, dass mir absolut nichts gehörte. Ich konnte es nicht glauben. Die Firma stammte von meiner Familie! Wie konnte es sein, dass ich jetzt auf einmal kein Recht auf gar nichts hatte? Warum war Carlos' Bruder der Eigentümer von allem – von der Firma, von meinem Haus, sogar von meinem Auto?
Sie zeigte mir den gesamten Papierkram. Ich selbst hatte die Dokumente unterschrieben, meine Unterschrift war überall zu sehen. Wir versuchten, eine Erklärung zu finden, aber es gab keinerlei Beweise dafür, dass die Unterschriften gefälscht waren. Ich hatte keine Handhabe, um vor Gericht zu kämpfen, weil es nichts gab, worum ich kämpfen konnte. Es blieb mir nur übrig, die Scheidung zu unterschreiben.
Carlos hatte mich über ein Jahr lang hintergangen und mich bestohlen, ohne dass ich es bemerkte. Jetzt besaß ich nichts mehr. Nur noch meine Kleider, die lieblos in den Kartons lagen. Und als ob es Karen nicht gereicht hätte, alles zu bekommen, hatte sie sich auch noch einige meiner Schmuckstücke unter den Nagel gerissen – selbst die, die mein Vater mir geschenkt hatte.
„Du musst dich wehren, du musst aus diesem Bett herauskommen“, sagte Camila.
„Ich habe keinen Grund, hier aufzustehen. Wie soll ich mich denn wehren? Ich habe nichts. Ich habe nicht mal ein Bett“, antwortete ich, während ich auf der Luftmatratze auf dem Boden ihres Zimmers lag.
„Dann gehen wir eben ein Bett kaufen. Danach entscheidest du, was du tust. Hinten gibt es ein Zimmer, das wir als Abstellraum nutzen. Wir können es aufräumen und für dich herrichten, damit du nicht hier bei mir schlafen musst.“
Das Haus meiner Tante war alt. Ich hatte eigentlich ein neues Haus kaufen wollen, als die Firma endlich florierte, aber sie wollte nie umziehen. Höchstens eine Renovierung hatte sie mir erlaubt.
„Willst du heute mit ins Lush kommen? Es gibt eine Happy Hour und ich kann dir ein paar Drinks aufs Haus mixen“, drängte Camila, um mich aufzuheitern.
Sie arbeitete als Barkeeperin in einem Club und hatte nie einen traditionellen Job gewollt. Aber ich hatte keine Kraft, das Bett zu verlassen. Ich versprach ihr, ein anderes Mal mitzukommen.
Ich konnte nicht aufhören, an Karen zu denken. Meine Schwester war schon immer ehrgeizig gewesen, und ich glaubte keine Sekunde an eine Liebesgeschichte zwischen ihr und Carlos. Als sie sah, dass wir Geld verdienten, beschloss sie, mir mein Leben wegzunehmen. Ich wusste, dass sie all sein Geld verprassen würde. Sie arbeitete ungern, aber sie liebte das Geld. Sie war extrem schön, verstand es, charmant und verführerisch zu sein, aber sie war durch und durch falsch. Niemals hätte ich gedacht, dass sie mir so etwas antun würde.
Doch Karen schien noch nicht genug zu haben. Sie wollte mehr. Sie schickte die Hochzeitseinladung zum Haus meiner Tante, adressiert an mich, zusammen mit einem Brief, in dem stand, dass ich als Schwester doch sicher ihr Glück miterleben wolle.
Ich zerriss die Einladung in tausend Stücke. In einem Akt der puren Rebellion tauchte ich am Sonntag beim Familienessen im Haus meiner Schwiegermutter auf, wohlwissend, dass die beiden dort sein würden.
„Du hast mir eine Hochzeitseinladung geschickt?“, fragte ich, sobald Karen aufstand, als sie mich zur Tür hereinkommen sah.
„Du bist meine Schwester, meine einzige Familie. Ich wollte, dass du bei meiner Hochzeit dabei bist“, sagte sie mit dieser gewohnt scheinheiligen Stimme.
Um sie herum taten meine Schwiegermutter und meine Schwäger so, als wäre alles ganz normal – als wäre der Austausch der Schwestern das Natürlichste der Welt. Als hätte ich nicht noch vor wenigen Wochen an genau diesem Tisch gesessen.
„Du bist ein elendes Miststück! Ich wünsche dir nur das Schlechteste – und euch allen auch, ihr seid ein Haufen von Betrügern!“
„Isabella, ich verbiete dir, in meinem Haus so zu reden“, entgegnete meine Schwiegermutter. „Erst recht nicht mit Karen. Sie ist schwanger und darf sich nicht aufregen. Geh. Du musst dein Leben endlich weiterleben, du hast Carlos' Leben schon viel länger blockiert, als du solltest.“
„Wie können Sie das nur unterstützen? Letzte Woche saß ich noch hier!“, sagte ich fassungslos. „Ihr Sohn hat meine Firma und mein Haus gestohlen!“
„Mein Sohn hat gar nichts gestohlen, zügle deine Zunge, wenn du von ihm sprichst. Er hat diese pleitegegangene Firma wieder aufgebaut, indem er Tag und Nacht geschuftet hat. Eigentlich hat er mehr Recht darauf als du, die nichts weiter getan hat, als sich zu beschweren. Isabella, du hast es nicht einmal geschafft, ein Kind zu bekommen, eine vollständige Frau zu sein“, sagte sie und spie mir die Worte fast ins Gesicht.
Carlos stand einfach nur schweigend da und beschützte Karen, indem er seine Hand auf ihren Bauch legte – auf dem man eigentlich noch gar nichts sah.
Auch ich hatte Tag und Nacht geschuftet, um die Firma zu retten, aber anscheinend hatte er seiner Mutter eine ganz andere Version aufgetischt.
„Du hast die Firma und das Haus auf den Namen deines Bruders übertragen…“
„Du hättest es nur lesen müssen, Isabella. Ich habe dir gesagt, dass ich die Lösung für die Probleme habe. Ich wusste ja nicht, dass du dumm genug bist, blind zu unterschreiben“, unterbrach er mich mit eiskalter Stimme.
Ich las eigentlich alles, was auf meinen Schreibtisch kam, und niemals hätte ich eingewilligt, irgendetwas auf seinen Bruder zu übertragen. Ich hatte diesen Mann geliebt, aber in diesem Moment wurde mir klar, dass ich Carlos vielleicht nie wirklich gekannt hatte. Er machte das Gesicht eines Unschuldigen, eines Opfers, während er Karen vor mir beschützte – ganz anders als der Mann im Restaurant, der mich vor all den Leuten demütigte.
„Ihr werdet dafür bezahlen. Eines Tages werde ich mir alles zurückholen, was mir gehört.“
Diese Familie, von der ich geglaubt hatte, sie hätte mich aufgenommen, war nichts als eine Bande von Dieben.
Ich musste gehen, bevor sie die Polizei riefen. Ich lief stundenlang ziellos umher, unfähig zu begreifen, in was sich mein Leben verwandelt hatte.