Mundo ficciónIniciar sesiónIm Haus wirkte die Luft schwerer. Sie setzte ihn auf das Sofa, lief schnell in die Küche, holte ein Glas Wasser und eine Tablette gegen Kopfschmerzen und kam zügig zurück.
— Nimm. — sagte sie und reichte ihm das Medikament. Er gehorchte, ohne etwas zu sagen. Das Glas zitterte leicht in seiner Hand. — Es ging alles so schnell. — begann er, nachdem er die Tablette geschluckt hatte. — Ich habe dieses Auto gesehen… und… — er legte wieder die Hand an den Kopf — es war, als hätte ich das schon einmal gesehen. Sehr oft. Nicht genau dieses Auto… — korrigierte er sich verwirrt — sondern dieses Gefühl. Als würde mich jemand beobachten. Als würde ich auf einen Angriff warten. Alya setzte sich neben ihn, ihr Herz wurde eng. — Jeder hat schlechte Erinnerungen, die manchmal auftauchen. — sagte sie ruhig. — Das kann aus deinem früheren Leben sein. Irgendeine schlimme Situation. Du hast doch selbst gesagt, dass du das Gefühl hast, schon viel erlebt zu haben. — Aber ich rede nicht von einer Kneipenschlägerei. — entgegnete er mit fernem Blick. — Die Bilder… waren schwer. Ich habe… Schreie gehört. Einen Schuss. Und… — seine Stimme brach — ich bin mir fast sicher, dass ich die Waffe gehalten habe. Sie schluckte schwer, ihre Kehle zog sich zusammen. — Es war nur ein Albtraum, Paolo. — bestand sie darauf und strich über seinen Arm. — Das Gehirn vermischt Dinge. Angst mit Fantasie. Er sah sie an, als wollte er sich an ihren Worten festhalten und sie zur Wahrheit machen. — Hast du Angst vor mir? — fragte er plötzlich. Die Frage traf Alya unvorbereitet. Ihre Augen weiteten sich kurz. — Natürlich nicht. — antwortete sie zu schnell. — Lüg mich nicht an. — sagte er und wandte den Blick ab. — Wenn ich… wenn ich wirklich etwas Schlimmes getan habe… hast du jedes Recht, Angst zu haben. Sie atmete tief durch. Tief in sich wusste sie, dass sie sich vor dem Unbekannten fürchtete. Doch als sie ihn dort sitzen sah — zitternd, mit schweißnasser Stirn und verlorenem Blick — sprach etwas anderes in ihr lauter. — Ich habe keine Angst vor dir. — wiederholte sie, diesmal fester. — Ich habe Angst vor dem, was dir passiert sein könnte. Das ist etwas anderes. Er nahm das schweigend auf, als wären es Worte, die er hören musste, sich aber nicht würdig fühlte, ihnen zu glauben. Der Rest des Nachmittags zog sich in einer seltsamen Stimmung hin. Paolo wurde stiller, spielte ohne wirklichen Fokus mit Gegenständen, als hätte er Angst, allein mit seinen Gedanken zu sein. Immer wieder griff er sich an den Kopf, als würde er nach etwas suchen, das er nicht erreichen konnte. Alya tat so, als wäre alles normal — sie spülte Geschirr, faltete Wäsche — doch ihr Blick wanderte ständig zu ihm, wachsam bei jedem Anzeichen einer neuen Krise. Als die Nacht hereinbrach, wirkte das Haus noch kleiner. Die Dunkelheit draußen klebte an den Fenstern, als wollte sie herein. — Soll ich heute auf dem Sofa schlafen? — fragte er plötzlich, während sie das Licht im Wohnzimmer ausmachte. Sie drehte sich überrascht um. — Warum? — Weil… — er zögerte — wenn ich wieder so einen… Anfall bekomme… will ich dich nicht erschrecken. Alya sah ihn einige Sekunden lang an. Dann ging sie zu ihm und verschränkte die Arme. — Paolo. — sagte sie ernst. — Du hast deine Anfälle, ich habe Schlaflosigkeit, letzten Monat konnte ich die Stromrechnung nicht bezahlen und die Badezimmertür quietscht. Ich bin es gewohnt, mich hier zu erschrecken. — zuckte mit den Schultern — Komm ins Bett. Es ist einfacher, auf dich aufzupassen, wenn du in meiner Nähe bist. Ein schwaches Lächeln erschien auf seinen Lippen und wurde langsam breiter. — Du redest, als wäre ich ein großer Hund, den du aufgenommen hast. — Warst du nicht genau der, der halb tot auf der Straße lag? Ganz allein, ohne Besitzer, ohne Halsband und ohne Erinnerung? — entgegnete sie und hob eine Augenbraue. Er lachte leise. — Golden Retriever. — erinnerte er sich. — Genau. — nickte sie. — Mein Golden. Gemeinsam gingen sie ins Schlafzimmer. Das Teilen dieses Raumes fühlte sich jetzt noch bedeutungsvoller an. Es war nicht nur Verlangen, nicht nur Zuneigung. Es war eine Entscheidung, zu bleiben. Später, als die Stille das Haus einhüllte und Alya schließlich eingeschlafen war, schien die Welt sich auf das kleine Zimmer zu reduzieren. Paolo jedoch fand lange keinen Schlaf. Er lag auf der Seite und starrte an die Decke, während sein Herz in einem seltsamen Rhythmus schlug. Mehrmals schloss er die Augen, versuchte, die Bilder des schwarzen Autos, der Schreie, des Blutes, der Waffe zu verdrängen. Doch sie kehrten immer wieder zurück, als würde jemand tief in seinem Inneren einen alten, beschädigten Film abspielen. Langsam drehte er sich zu Alya. Sie schlief ruhig, auf der Seite, eine Hand ausgestreckt auf dem Laken. Ihr Gesicht war weich, ihr Haar leicht zerzaust. Nichts an ihr passte zu der dunklen Welt, die er Stunden zuvor hinter seinen Augen gesehen hatte. Und genau das machte ihm Angst. — „Was, wenn ich Teil dieser Welt bin? Wenn sie mich finden? Wenn sie ihr etwas antun?“ Seine Brust zog sich zusammen. Auch seine Kehle. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, verschränkte Paolo seine Finger mit ihren. Ihre Hand war klein im Vergleich zu seiner, doch sie passten perfekt ineinander. Er blieb einen Moment so liegen und spürte einfach die Wärme ihrer Haut. Die Worte kamen als Flüstern, kaum hörbar, als hätten sie Angst, zu viel Raum einzunehmen. — Alya… — hauchte er. Sie antwortete nicht. Ein leiser Seufzer entwich ihren Lippen, doch sie schlief weiter. Er rückte ein wenig näher, sein Gesicht nahe an ihrer Hand, die Augen auf die friedlichen Züge gerichtet, die irgendwie zum Mittelpunkt seiner Welt geworden waren. — Wenn ich dich eines Tages vergesse… — fuhr er fort, die Stimme belegt — dann bring mich bitte dazu, mich zu erinnern. Er schluckte schwer. — Lass mich erinnern. Es war eine einfache Bitte, doch sie trug alles in sich, was er nicht ordnen konnte. Angst, Liebe, Schuld, Hoffnung — alles vermischt. Er drückte ihre Hand etwas fester, als wollte er dort ein stilles Versprechen besiegeln. Draußen bewegte der Wind die Bäume des kleinen Waldes. Irgendwo in der Ferne fuhr vielleicht ein schwarzes Auto über eine andere Straße und trug Geheimnisse mit sich, die bald dieses einfache Haus erreichen würden. Doch im Moment existierte nur dieses kleine Zimmer, der ruhige Atem von Alya und das unruhige Herz eines Mannes, der begann zu verstehen, dass seine Vergangenheit nicht einfach leer war. Und selbst ohne Erinnerungen wusste Paolo eines mit absoluter Gewissheit: Unter all den Erinnerungen, die vielleicht noch zurückkehren würden, gab es eine, die er nicht verlieren konnte. Ihr Gesicht. Ihre Berührung. Das Leben, das sie begonnen hatten, gemeinsam aufzubauen. Er schloss die Augen, noch immer ihre Hand haltend, und ließ den Schlaf langsam kommen, mit dem letzten Gedanken der Nacht: — „Egal, was passiert… sie soll der Teil sein, der bleibt.“