Kapitel 2

Der Morgen kam langsam, und warmes, gelbliches Licht breitete sich durch die Spalten des Vorhangs im Raum aus. Der Sturm der vergangenen Nacht war vorbei, zurückgeblieben waren nur das ferne Rauschen des Windes und das schüchterne Zwitschern eines Vogels, der den neuen Tag begrüßte.

Alya öffnete langsam die Augen. Ihr Nacken schmerzte. Sie saß noch immer auf dem Stuhl, den Kopf auf die Arme gestützt, direkt neben dem Sofa. Es dauerte einige Sekunden, bis sie sich erinnerte, wo sie war und was geschehen war.

Sie drehte den Kopf, und sah ihn dort liegen, den fremden Mann. Er atmete ruhiger. Seine Haut, zuvor blass, hatte nun etwas Farbe zurückgewonnen. Dieses kleine Detail ließ ihr Herz schneller schlagen.

— Zum Glück… — flüsterte sie und fuhr sich müde durchs Gesicht. — Du hast überlebt.

Langsam stand sie auf, streckte ihre eingeschlafenen Arme. Sie kniete sich neben ihn und richtete die Decke zurecht. Der Verband war sauber und hielt die Blutung gut unter Kontrolle. Alles schien stabil.

Vorsichtig wechselte sie das kühle Tuch auf seiner Stirn. Das Haus war still, und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee begann sich aus der Küche zu verbreiten. Alya lächelte leise, ohne genau zu wissen warum.

Da hörte sie es. Ein leises, raues Geräusch… gefolgt von einem Atemzug. Sie drehte sich sofort um. Seine Augen waren offen.

Für einen Moment sahen sie sich schweigend an. Ihr Atem stockte. Er blinzelte benommen und sah sich um, ohne zu verstehen, wo er war.

Er versuchte, die Schultern zu bewegen, doch sein Körper schien tonnenschwer.

— Wo bin ich? — fragte er mit rauer Stimme, als wäre er gerade aus einem tiefen Schlaf erwacht.

Alya spürte, wie ihr ganzer Körper reagierte. Sie atmete tief durch und versuchte, ihre Nervosität zu verbergen.

— Du bist zu Hause. Also… — sie lächelte unsicher — in meinem Haus. Ich habe dich auf der Straße gefunden. Du warst verletzt… sehr schwer verletzt.

Er hob die Hand an den Kopf. Seine Finger tasteten vorsichtig seinen Hinterkopf ab, und sofort zog sich seine Stirn zusammen.

— Hinter meinem Kopf… es tut sehr weh. — murmelte er und verzog das Gesicht. — Ich… wer bin ich?

Die Frage schnitt durch die Luft wie ein Knall. Alyas Herz zog sich zusammen.

— Ich… ich habe keine Ahnung. — antwortete sie leise. — Aber wir können es gemeinsam herausfinden, okay?

Einen Moment lang lag er einfach da und starrte an die Decke, als suche er Antworten in den Rissen. Alles an ihm wirkte verwirrt… sein Blick, seine Haltung, sogar seine Atmung. Er war ein starker Mann, doch in diesem Moment wirkte er vollkommen verloren.

Alya bemerkte, dass er versuchte, sich aufzurichten. Sofort war sie bei ihm.

— Hey! Nein, tu das nicht. — sie legte ihm fest die Hand auf die Schulter. — Du musst dich ausruhen. Du hast Nähte am Bauch und wahrscheinlich eine Kopfverletzung.

Er gehorchte und lehnte sich wieder zurück. Seine Augen wanderten durch den kleinen Raum, über den alten Vorhang, den abgenutzten Teppich, den Kaffeeduft aus der Küche.

— Ich erinnere mich an nichts. — sagte er leise. — Kein Name, keine Erinnerung. Nur… — er hielt inne und drückte die Finger an die Schläfe — ein seltsames Gefühl. Als wäre etwas hier drin eingeschlossen.

— Das ist normal. — sagte sie ruhig. — Du hast ein starkes Trauma erlebt. Es kann sein, dass du vorübergehend dein Gedächtnis verloren hast.

— Also… — er drehte den Kopf zu ihr — bin ich im Moment niemand?

Alya schwieg kurz. Die Frage traf sie mehr, als sie zugeben wollte.

— Niemand bist du nicht. — sagte sie schließlich und hob sanft sein Kinn an. — Wir wissen nur noch nicht, wer du bist.

Für einen Moment sahen sie sich schweigend an. Draußen wurde es heller, und ein Sonnenstrahl fiel durchs Fenster und erleuchtete sein Gesicht. Alya bemerkte die Farbe seiner Augen — ein ungewöhnliches Grau, fast silbern. Für einen Augenblick hatte sie das Gefühl, als würde dieser Blick Halt in ihrem suchen.

Er lächelte leicht, noch immer verwirrt.

— Dann… solange ich mich nicht erinnere… kann ich einen neuen Namen haben? — fragte er.

Alya zog überrascht die Augenbrauen hoch.

— Einen neuen Namen?

— Ja. — er lächelte schüchtern. — Nur bis ich weiß, wer ich bin. Das macht es einfacher, oder?

Sie zögerte und betrachtete ihn. Sie wusste nicht, warum diese Bitte sie nervös machte. Dann sah sie ihn noch einmal genau an — den ruhigen Ausdruck, den kräftigen Körper, die markanten Züge.

— Ich finde, du siehst aus wie ein Paolo. — sagte sie und musste lachen. — Starkes Gesicht, ein Blick, als hättest du schon tausend Leben gelebt… und, ganz ehrlich, du bist bestimmt fast zwei Meter groß.

Er lächelte zum ersten Mal richtig — ein leicht unbeholfenes Lächeln, das ihre eigenen Lippen unwillkürlich mitziehen ließ.

— Paolo… — wiederholte er langsam, als koste er den Klang. — Mir gefällt es. Dann bin ich Paolo.

— Gut. — sagte sie spielerisch und richtete die Decke. — Jetzt hast du einen Namen, bis dein Gedächtnis zurückkommt.

Er beobachtete sie aufmerksam, sein Blick ruhig und neugierig. In dieser Ruhe lag etwas beinahe Kindliches. Und gleichzeitig etwas Unbekanntes, als würde in ihm ein Schatten schlummern, der nur auf den richtigen Moment wartete.

— Danke, Alya. — flüsterte er. — Wenn du nicht angehalten hättest… ich weiß nicht, ob ich noch leben würde.

— Ich habe nur getan, was jeder getan hätte. — antwortete sie und wich seinem Blick aus. — Und jetzt musst du dich ausruhen. Keine Experimente. Ich bin vorübergehend deine Krankenschwester.

— In Ordnung… Krankenschwester. — sagte er mit einem leichten Lächeln.

Sie lachte und schüttelte den Kopf.

— Das ist lange her. Aber ich glaube, ich kann es noch.

— Dann bist du vielleicht ein bisschen eingerostet. — sagte er grinsend. — Aber trotzdem… ziemlich gut darin.

Alya verdrehte die Augen, um ihr Lächeln zu verbergen.

— Ganz schön frech für jemanden ohne Gedächtnis.

— Liegt daran, dass meine Krankenschwester hübsch ist. — sagte er, ohne nachzudenken, und runzelte sofort die Stirn. — Seltsam… ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe.

Alya errötete leicht. Sie tat so, als hätte sie es nicht gehört, und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu holen. Als sie zurückkam, folgte sein Blick ihr aufmerksam, ruhig — wie der eines Tieres, das endlich einen sicheren Ort gefunden hatte.

Da war etwas Sanftes an ihm. Eine Unschuld, die im völligen Gegensatz zu seinem starken Körper, den Narben und der tiefen Stimme stand. Ein unmöglicher Gegensatz, der dennoch irgendwie passte.

Alya beobachtete ihn, wie er langsam das Wasser trank, und bemerkte, dass seine Hände leicht zitterten.

— Es ist alles in Ordnung. — sagte sie ruhig. — Es wird dauern, bis du wieder zu Kräften kommst. Dein Körper hat viel durchgemacht.

— Ich fühle… — er suchte nach Worten — dass etwas in mir… schon viel durchgemacht hat. Auch wenn ich mich nicht erinnere… ich spüre es.

Sie blieb einen Moment still und sah ihn an. Die Ehrlichkeit in seinen Worten ließ ihr Herz schwer werden.

— Dann lass die Zeit das regeln. — sagte sie schließlich. — Du musst dich jetzt an nichts erinnern. Nur daran, dass du am Leben bist.

Für einen Moment hielt er ihren Blick fest. Alya wich ihm schnell aus. Langsam schloss er wieder die Augen, überwältigt von der Müdigkeit.

Sie blieb sitzen und beobachtete ihn. Zum ersten Mal wirkte sein Gesicht ruhig… fast unschuldig.

— Du siehst aus wie ein Golden Retriever. — flüsterte sie leise und lächelte. — Groß, lieb und sanft. Wer hätte das gedacht.

Sie lehnte sich in den Sessel zurück und verschränkte die Arme. Zum ersten Mal seit der vergangenen Nacht fühlte sie Frieden in ihrem Herzen.

Sie wusste es nicht, aber dieses einfache, schläfrige Lächeln von ihm war der erste Schritt einer Geschichte, die alles verändern würde. Nichts in Alyas Leben würde nach diesem Morgen noch so sein wie zuvor.

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