Kapitel 5

Paolo wachte auf, noch bevor die Sonne aufging, als hätte etwas in ihm seinen Körper zurück ins Bewusstsein gezogen. Für einige Sekunden blieb er einfach liegen, spürte, wie sich seine Brust hob und senkte, und lauschte der sanften Stille des Hauses.

Es dauerte einen Moment, bis er das leichte, warme Gewicht neben sich bemerkte. Er drehte den Kopf, und sah sie.

Alya schlief tief und fest, das Gesicht entspannt, die Lippen leicht geöffnet, eine Haarsträhne fiel über ihre Stirn. Das Laken zeichnete sanft die Kurven ihres Körpers nach, ließ gerade genug sichtbar, damit seine Gedanken den Rest ergänzten.

Paolo spürte etwas Seltsames, schön und schwer zugleich, in seiner Brust. Ein Lächeln erschien von selbst auf seinen Lippen. Ein echtes, ehrliches, fast törichtes Lächeln.

Langsam streckte er die Hand aus, vorsichtig, um sie nicht zu wecken, und strich die Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Seine Finger glitten sanft durch ihr Haar, als würde er etwas Heiliges berühren.

— Wenn ich ganz von vorn anfangen muss… — flüsterte er, die Stimme noch rau vom Schlaf — dann will ich, dass es an deiner Seite ist.

Er blieb noch einen Moment so liegen und sah sie einfach an. Jedes Detail wirkte neu und gleichzeitig vollkommen richtig. Als wüsste sein Körper, selbst ohne Erinnerungen, dass dies der einzige Ort war, an dem er sein sollte.

Er beugte sich leicht vor und drückte einen sanften Kuss auf ihre Stirn. Alya bewegte sich ein wenig, murmelte etwas Unverständliches, wachte aber nicht auf.

Paolo lächelte wieder, drehte sich zur Decke und atmete tief durch.

— Ich weiß nicht, wer ich war. — dachte er und blickte auf die schlichte Zimmerdecke — Aber ich weiß, wer ich jetzt sein will.

Vorsichtig stand er auf, darauf bedacht, keinen Lärm zu machen. Sein Körper schmerzte kaum noch, nur die Narbe an seinem Bauch spannte leicht, als er sich bewegte. Trotzdem fühlte er sich leichter als an jedem anderen Tag, seit er in diesem Haus aufgewacht war.

Er ging in die Küche und zündete ruhig das Feuer an, als wäre das Zubereiten von Kaffee ein kleines, heiliges Ritual. Er maß das Pulver ab, goss das Wasser auf und beobachtete, wie die dunkle Flüssigkeit langsam durch den Filter tropfte. Der Duft breitete sich aus und erfüllte die Luft mit einer warmen, tröstlichen Note.

Er nahm zwei Tassen. Allein dieser Gedanke ließ ihn erneut lächeln. Er war nicht mehr allein. Er erwachte nicht mehr in einem leeren Nichts. Er hatte jemanden. Er hatte sie.

Alya wachte vom Duft des Kaffees auf.

Sie blinzelte einige Male, verwirrt. Es dauerte, bis sich ihre Gedanken ordneten. Ihr ganzer Körper fühlte sich weich und angenehm schwer an. Wärme lag noch auf ihrer Haut, eine verschwommene Erinnerung an Hände, Küsse, geflüsterte Worte.

Als sie den Kopf drehte und den leeren Platz neben sich sah, zog sich etwas in ihrer Brust zusammen.

— „Hat er… es bereut?“ — dachte sie, während ihr Herz ohne Erlaubnis schneller schlug.

Doch dann hörte sie Schritte im Flur. Die Schlafzimmertür stand einen Spalt offen. Paolo kam vorbei, mit zerzaustem Haar, einem schlichten T-Shirt und zwei Tassen in der Hand.

— Guten Morgen, Stern. — sagte er mit einem Lächeln, das den ganzen Raum zu erhellen schien.

Alya spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Unauffällig zog sie die Decke etwas höher bis zum Kinn, um wenigstens ein wenig Würde zurückzugewinnen.

— Guten Morgen, Riese. — antwortete sie, die Stimme noch heiser vom Schlaf.

Er trat ein, stellte die Tassen auf den kleinen Tisch neben dem Bett und setzte sich an den Rand der Matratze, ihr gegenüber. Er sah sie an, als würde er zum ersten Mal einen Sonnenaufgang erleben.

— Ich habe Kaffee gemacht. — sagte er schlicht.

— Danke. — flüsterte sie und nahm vorsichtig die Tasse.

Für einen Moment wirkte die Stimmung zwischen ihnen seltsam. Vertraut und zugleich völlig neu. Die Erinnerung an die vergangene Nacht lag noch in der Luft, lebendig, füllte jede Stille.

Alya nahm einen Schluck, versuchte, normal zu wirken. Doch in ihrem Inneren rieben die Fragen unaufhörlich gegeneinander.

— „Und jetzt? Was denkt er von mir? Was habe ich getan?“

Paolo beobachtete sie aufmerksam. Er sah, wie sie seinem Blick auswich, wie sie den Atem anhielt, bevor sie sprach. Und das gefiel ihm nicht.

Er wollte nicht, dass sie sich entfernte. Nicht nach allem, was sie geteilt hatten.

— Alya. — sagte er ruhig.

Sie stellte die Tasse ab, ohne ihn ganz anzusehen.

— Hm?

— Ich… — er kratzte sich am Nacken, unsicher, wie er anfangen sollte. — Ich weiß nicht genau, wie solche Dinge funktionieren. — verzog ehrlich das Gesicht. — Ich weiß nicht, ob ich… gestern Abend etwas hätte sagen sollen. Vorher. Oder danach.

Sie riss leicht die Augen auf, überrascht von seiner Ehrlichkeit.

— Paolo, du musst nicht…

— Doch. — unterbrach er sie, seine Stimme fest, aber ruhig. — Denn ich will nicht, dass du denkst… — er atmete tief durch — dass es nur ein Moment war. Dass es nur passiert ist, weil… keine Ahnung, weil das Licht gedämpft war, weil ich verloren bin oder weil du Mitleid mit mir hattest.

Alya spürte, wie sich ein Knoten in ihrem Hals bildete.

— Das denke ich nicht. — antwortete sie leise — Aber ich… weiß auch nicht, was ich denken soll.

Er lachte leise, nervös.

— Willkommen in meiner Welt. — sagte er. — Ich weiß nicht, was ich vorher getan habe. Ich weiß nicht, wer ich war. Aber ich weiß, dass… — er streckte die Hand aus und strich ihr erneut eine Haarsträhne aus dem Gesicht — als ich heute aufgewacht bin und dich hier gesehen habe… da war ich mir einer Sache sicher.

Alya schluckte.

— Welche?

Paolo hielt ihren Blick mit ruhiger Intensität fest.

— Wenn ich ganz von vorn anfangen muss… — sagte er und wiederholte die Worte, die er schon im Schlaf zu ihr geflüstert hatte — dann will ich, dass es an deiner Seite ist.

Seine Worte trafen sie tief, auf eine Weise, die gleichzeitig weh tat und Trost brachte. Es war, als würde sie etwas hören, das sie sich nicht zu wünschen gewagt hatte.

Sie atmete tief durch und versuchte, sich vor sich selbst zu schützen.

— Paolo… — flüsterte sie und sah zur Seite — du weißt nicht einmal, wer du bist. Wenn du dich erinnerst… vielleicht macht es dann keinen Sinn mehr, hier zu bleiben. Vielleicht wartet ein anderes Leben auf dich. Eine andere Person.

Er wich nicht zurück.

— Vielleicht. — gab er zu. — Vielleicht habe ich eine schreckliche Vergangenheit, vielleicht bin ich jemand, auf den ich nicht stolz wäre. Aber… — er rückte ein Stück näher — das ändert nichts daran, was ich jetzt fühle. Hier. Mit dir.

Sie krallte die Finger in das Laken.

— Und was ist das, was du fühlst?

Paolo öffnete den Mund, schloss ihn wieder… dachte nach.

— Ich kenne den richtigen Namen nicht. — gestand er. — Ich weiß nur, dass es etwas ist, das meine Brust schmerzen lässt, wenn ich daran denke, wegzugehen. Und dass es mir Angst macht, mir vorzustellen, dass du wegen mir leidest. — machte eine kurze Pause — Und dass es mich dazu bringt… mir diesen Platz zu verdienen. In deinem Bett. In deinem Haus. In deinem Leben.

Alya spürte, wie ihre Augen brannten. Diesmal sah sie ihn wirklich an, ohne sich zu verstecken.

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