Kapitel 4

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Für einige Sekunden wusste Alya nicht, was sie antworten sollte. Die Worte verhedderten sich in ihrer Kehle.

— Es ist nur Dankbarkeit, Paolo… — versuchte sie zu sagen und zwang sich zu einem Lächeln. — Du… fühlst dich dankbar, weil ich dir geholfen habe. Es ist normal, dass man Dinge verwechselt.

— Es fühlt sich nicht nur so an. — beharrte er und richtete sich langsam auf.

Paolo trat näher, und das Kerzenlicht zeichnete seine Züge intensiver nach. Sein Gesicht lag mal im Schatten, mal im Licht, was ihn noch geheimnisvoller wirken ließ.

— Dankbarkeit lässt das Herz nicht so schlagen. — fügte er hinzu und legte die freie Hand auf seine Brust — Es wird… seltsam. Eng. Schnell. — er schluckte. — Besonders, wenn du lächelst.

Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Sie wandte den Blick ab, während sich ihr Magen vor Nervosität zusammenzog.

— Du bringst da etwas durcheinander. — wiederholte sie, doch ihre Stimme klang nicht so fest, wie sie es wollte.

Seine Finger hielten noch immer ihre Hand. Die Berührung war warm. Da war keine Kraft, nur Präsenz. Eine stille Bitte, dass sie blieb.

— Und wenn ich es tue… — flüsterte er — kannst du mir den Unterschied erklären?

Alya atmete tief durch. Der Raum schien kleiner zu werden. Die Luft schwerer.

— Paolo… — wollte sie ihn warnen, doch sein Name kam viel zu sanft über ihre Lippen.

Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu. Das Kerzenlicht zeichnete die Konturen seiner Lippen, das Schimmern seiner grauen Augen. In seinem Ausdruck lag eine gefährliche Mischung aus Unschuld und Verlangen. Als würde er nicht alles verstehen, aber umso mehr fühlen.

— Ich erinnere mich nicht daran, wer ich war. — fuhr er fort, seine Stimme rau — Ich weiß nicht, ob ich vorher… gut oder schlecht war. Aber ich weiß, was ich jetzt fühle. Wenn ich aufwache und dich hier sehe. Wenn du meinen Namen sagst. Wenn du mich berührst.

Seine Worte rissen eine nach der anderen ihre Schutzmauern ein. Alya spürte, wie ihre Augen brannten. Nicht vor Traurigkeit, sondern vor etwas, das sie seit Tagen zurückhielt.

Das Zusammenleben, die kleinen Gesten, die Art, wie er gleichzeitig so groß und doch so verletzlich wirkte… all das hatte sie langsam umgeben, ohne Vorwarnung.

Als sich ihre Hände wirklich berührten, Finger an Finger, Handfläche an Handfläche, zerbrach etwas in ihr. Kein lautes Geräusch. Nur ein leiser Riss in ihrer Brust, eine Gewissheit, geboren aus dem Chaos.

Sie hob den Blick. Traf seinen. Für einen Moment schien die ganze Welt nur aus dem winzigen Abstand zwischen ihren Lippen zu bestehen.

Der erste Kuss kam von ihm. Eine noch unsichere, fast schüchterne Bewegung, aber getragen von allem, was er nicht in Worte fassen konnte. Er kam langsam näher, als würde er erwarten, dass sie zurückwich. Sie wich nicht zurück.

Ihre Lippen berührten sich zunächst vorsichtig, wie jemand, der kaltes Wasser testet, bevor er eintaucht. Alyas Herz raste. Ihre freie Hand hob sich fast von selbst und legte sich an seine Brust, spürte den schnellen Herzschlag unter seiner Haut und dem einfachen Stoff seines Shirts.

Paolo vertiefte den Kuss behutsam, als wäre er etwas zu Kostbares, um ihn hastig zu behandeln. Und doch lag darin eine Dringlichkeit. Eine Angst, alles zu verlieren, aufzuwachen und zu erkennen, dass es nur ein Traum war.

Alya erwiderte den Kuss und ließ jeden Widerstand fallen. Ihre Hände glitten hinauf, um seinen Nacken, spürten die Stelle, die ihn manchmal schmerzte. Er erschauderte, nicht vor Schmerz, sondern vor etwas Tieferem, das seinen ganzen Körper durchzog.

Das Wohnzimmer, die Dunkelheit, der vergangene Sturm — nichts spielte mehr eine Rolle. Für einen Moment lösten sie sich voneinander, atemlos, als müssten sie prüfen, ob dieser Augenblick real war.

— Das… — flüsterte er, seine Stirn an ihre gelehnt — ist das auch Dankbarkeit?

Sie lächelte leicht, ihre Augen glänzten.

— Nein. — antwortete sie ehrlich, überrascht von sich selbst — Das ist alles… nur keine Dankbarkeit.

Paolo atmete tief durch und küsste sie erneut, als hätte er endlich eine Antwort gefunden, nach der er gesucht hatte, ohne sich daran zu erinnern.

Die Kerzenflammen flackerten, als ihre Bewegungen intensiver wurden. Ihre Körper näherten sich, fanden ihren eigenen Rhythmus, geführt von Gefühl statt von Erinnerung. Jede Berührung war eine Entdeckung, jeder Atemzug ein Geständnis.

Irgendwann wurde das Wohnzimmer zu klein. Ihre Hände verschränkten sich fester, unsichere Schritte führten sie in Alyas kleines Schlafzimmer. Die Tür fiel leise ins Schloss, wie ein Geheimnis, das bewahrt werden wollte.

Dort ersetzten Flüstern die Worte. Nervöses Lachen mischte sich mit beschleunigtem Atem. Zitternde Finger zeichneten Wege über die Haut, ertasteten Konturen, Narben, Geschichten, die noch nicht ausgesprochen worden waren.

Draußen brannten die Kerzen weiter, warfen warme Schatten in den Flur. Das ganze Haus schien den Atem anzuhalten, als wüsste es, dass etwas Bedeutendes geschah.

In dieser Nacht gab es keine Vergangenheit, keine Namen, keine verlorenen Erinnerungen. Nur zwei Körper, die sich fanden, als hätten sie viel zu lange darauf gewartet. Es gab Herz, Angst, Verlangen und eine Hingabe, die so natürlich entstand wie der Regen, der draußen nun nur noch leise tropfte.

Als schließlich Stille den Raum erfüllte, war es längst spät. Alya spürte die Müdigkeit in ihrem Körper, doch ihr Herz war leicht. Paolo atmete neben ihr, sein Gesicht entspannt wie nie zuvor.

Sie beobachtete ihn einige Sekunden, die zerzausten Haare, die ruhigen Atemzüge.

— Mein Golden Retriever. — flüsterte sie mit einem leichten Lächeln, bevor sie die Augen schloss — Groß, lieb und… jetzt völlig mein Problem.

Sie bemerkte nicht, wann sie einschlief, ihre Hand noch immer in seiner verschränkt.

Draußen schien die Nacht ihr Geheimnis zu bewahren. Und ohne dass einer von ihnen es wusste, hatte sich dort etwas verbunden, das weit über den Körper hinausging. Etwas, das nicht einmal Paolos verlorenes Gedächtnis je würde auslöschen können.

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