Kapitel 8

Ethan

Dreißig Tage. Dreißig verdammte Tage, bis ich begriff, dass das Haus wirklich leer war.

Ich war im Arbeitszimmer der Villa und beendete gerade ein Gespräch mit den Leuten aus Manchester, als Marius anklopfte und mit einem Umschlag in der Hand hereinkam. Er legte ihn wortlos auf den Tisch. Ich öffnete ihn. Fotos. Ruby, wie sie aus einem Restaurant kam, lächelnd. Ruby, Hand in Hand mit einem Mann. Ruby, den Kopf an seine Schulter gelehnt.

— „Woher hast du das?“ fragte ich, viel zu ruhig.

— „Stand heute in den Zeitungen, Boss. Sie sagen, sie wird wieder heiraten.“

Ich lachte. Ein trockenes, leeres Lachen.

— „Heiraten? Wen denn? Sie ist mit mir verheiratet.“

Marius schluckte.

— „Andrew Sinclair.“

Das Whiskyglas in meiner Hand zerbrach. Das Glas schnitt mir in die Handfläche, Blut tropfte auf den teuren Teppich, aber ich spürte nichts. Ich starrte nur auf das Foto. Sie war schön. Schön und glücklich. Mit einem anderen.

Die Tür öffnete sich erneut. Astrid kam herein, ihre Absätze hallten auf dem Boden, ihr Parfum schwer in der Luft.

— „Ethan, was ist mit deiner Hand passiert?“

— „Nichts, was dich etwas angeht.“

Sie trat näher, wollte meinen Arm berühren. Ich wich zurück, als hätte sie mich verbrannt.

— „Raus“, befahl ich. — „Alle. Sofort.“

Marius verschwand sofort. Astrid zögerte, dann schlug sie die Tür hinter sich zu.

Ich blieb allein. Nahm mein Handy, wählte ihre Nummer. Es klingelte. Es klingelte. Die Mailbox. Ich rief noch einmal an. Dasselbe.

Ich hatte gedacht, sie würde meine Anrufe all die Zeit ignorieren. Dachte, sie wäre wie immer in ihrem Zimmer. Ich war nie hochgegangen, um nachzusehen. Hatte nie gefragt.

Jetzt verschlang mich die Stille des Hauses.

Ich rief meinen Anwalt an.

— „Ich will meinen Ehevertrag mit meiner Frau in fünf Minuten auf meinem Tisch.“

— „Mr. Storm… Sie haben die Scheidung vor dreißig Tagen unterschrieben. Ich habe Ihnen eine Kopie per E-Mail geschickt. Alles ist rechtlich abgeschlossen.“

Ich brüllte so laut, dass die Sekretärin draußen vermutlich zusammenzuckte.

— „Ich habe keine verdammte Scheidung unterschrieben!“

Er schickte mir das Dokument sofort. Ich öffnete es auf dem Laptop. Meine Unterschrift. Klar. Unverkennbar. Die Erinnerung traf mich wie ein Schlag… Ruby, wie sie ins Büro kam, den Umschlag auf den Tisch legte, ich am Telefon mit Astrid, ich unterschrieb, ohne hinzusehen, drehte mich wieder zum Fenster.

Ich hatte mein eigenes Urteil unterschrieben.

Ich rief den Anwalt erneut an:

— „Sag mir, dass man diese Scheidung annullieren kann. Sie kann das nicht getan haben.“

— „Es gibt nichts, was ich tun kann, Mr. Storm.“

Ich schleuderte die Whiskyflasche gegen die Wand. Glas zerbarst, der Geruch von Alkohol füllte den Raum. Ich ließ mich auf den Boden sinken, den Rücken an den Schreibtisch gelehnt, und trank aus einer anderen Flasche direkt aus dem Hals, bis sich alles drehte.

Zwei Tage später war ich immer noch dort. Im Arbeitszimmer. Dieselben Klamotten. Bart gewachsen, Augen rot. Astrid kam ohne anzuklopfen herein.

— „Wirst du noch lange an sie denken?“ fragte sie scharf. — „Sie hat dich verlassen. Sie heiratet einen anderen.“

Ich hob langsam den Blick.

— „Ich habe nie aufgehört, an sie zu denken. Ich habe nur zu lange gebraucht, es zu merken.“

Sie verschränkte die Arme.

— „Du bist erbärmlich. Sie war deine Frau, hat sich scheiden lassen und dich verlassen. Sie ist nichts wert. Jetzt können wir endlich offiziell machen, was wir haben.“

Ich stand auf. Ging langsam auf sie zu. Drückte meinen Körper gegen ihren und spürte, wie sie zitterte.

— „Pass auf, was du über meine Frau sagst.“

Sie lachte bitter.

— „Deine Frau heiratet heute Abend einen anderen.“

Ich packte ihr Kinn fest, drückte zu, bis ihre Augen feucht wurden.

— „Dann soll er beten, dass er bereit ist, sie zu verlieren, wenn ich auftauche.“

Ich ließ sie los. Sie taumelte zurück. Die Tür öffnete sich erneut. Marius wieder, mit einem Gesichtsausdruck, der verriet, dass er nicht dort sein wollte.

— „Sir… heute ist ihre Verlobungsfeier. Im Savoy.“

Er verschwand sofort wieder. Ich stand mitten im zerstörten Büro, die Flasche in der Hand, getrocknetes Blut auf meiner Handfläche. Ich griff zum Handy, wählte die Nummer des Fahrers.

— „Bereiten Sie den Wagen vor. Schwarzer Anzug. Schwarze Krawatte. Und finden Sie die genaue Adresse dieser verdammten Feier heraus.“

Ich legte auf. Sah noch einmal auf das Foto von ihr mit Sinclair.

Die Hölle ist unterwegs, Ruby. Und ich bin der Teufel, den du kennst.

Der Wagen schnitt durch das nächtliche London, die Lichter verschwammen im feinen Regen auf der Scheibe. Ich saß auf der Rückbank, das Jackett offen, die Krawatte locker, der Whisky brannte noch in meiner Kehle.

— „Sie gehört mir“, murmelte ich heiser. — „Sie gehörte mir immer. Sie wird immer mir gehören.“

Der Fahrer sah in den Rückspiegel. Unsere Blicke trafen sich für einen Moment. Er wandte sich schnell wieder ab, als würde er das GPS einstellen. Er wusste, dass er nichts sagen sollte.

— „Meine“, wiederholte ich lauter und schlug mit der Faust gegen mein Knie. — „Ruby Storm. Meine Frau. Meine Ehefrau. Niemand fasst an, was mir gehört.“

Ich schloss die Augen und ließ mich vom Alkohol zurückziehen.

Erste Erinnerung: Sie in der weißen Nachthemd in unserer Hochzeitsnacht, auf den Knien, mit flehenden Augen. Ich spürte sofort, wie mein Blut schneller floss, mein Körper reagierte. Ich musste mich abwenden, um sie nicht sofort zu packen.

Zweite: Das enge rote Kleid, das Abendessen vorbereitet, sie wartete in meinem Büro. Der Ausschnitt hob und senkte sich mit ihrem nervösen Atem. Ich war kurz davor gewesen, alles fallen zu lassen und sie auf den Tisch zu ziehen.

Dritte: Starker Regen, schwarzes Seidennachthemd, nass am Körper, ihre Brust zeichnete sich deutlich ab. Sie flüsterte: „Ich bin deine Frau“, und ich hätte den Stoff beinahe mit den Zähnen zerrissen.

Jedes Mal wollte ich sie.

Jedes Mal schrie mein Körper nach ihr. Ich wollte wissen, wie sie schmeckt, welchen Laut sie von sich geben würde, wenn ich tief in sie eindringe, wie sie zittern würde, wenn ich ihr rotes Haar festhalte.

Aber ich war blind wegen Astrid. Ich hielt es für Liebe. Für Loyalität. Also verweigerte ich es. Verweigerte sie. Verweigerte mich selbst.

Idiot.

Blind.

Feige.

Ich hasse mich. Ich hasse jede Sekunde, in der ich sie habe warten lassen. Ich hasse jede Nacht, in der ich mit einer anderen geschlafen habe, während meine Frau im Zimmer wartete.

— „Boss, wir sind da“, sagte der Fahrer leise.

Ich öffnete die Augen. Das Savoy leuchtete vor mir, die Türen offen, der rote Teppich ausgelegt. Ich atmete tief durch.

Heute endet dieser verdammte Wahnsinn.

Ich werde da hineingehen, meine Frau holen und sie nach Hause bringen. Wenn Sinclair versucht, mich aufzuhalten, bringe ich ihn vor allen um. Wenn sie sich widersetzt, trage ich sie eben hinaus.

Ruby gehört mir.

Sie gehörte mir immer.

Und heute wird sie sich daran erinnern.

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