07 – DER UNBEKANNTE

POV: AIRYS

Ich sah mich inmitten der Dunkelheit. Nahe dem großen Fenster zog eine imposante Silhouette meine Aufmerksamkeit auf sich. Breite Schultern, nackte Haut, erhellt vom spärlichen Licht. Er drehte sich langsam um, ein Glas zwischen den Fingern, und fixierte mich.

Erdige Augen, die in einem intensiven Rot funkelten. Raubtierhaft. Bewertend. Jagdbereit.

Meine Brust hob und senkte sich rasch, als wüsste etwas in mir, dass ich weglaufen musste. Doch meine Füße bewegten sich nicht. Etwas an ihm rief mich, zog mich an. Im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Ein Schauer lief mir den Rücken hinauf, als ich die Wärme seines Atems an meinem Nacken spürte.

„Lauf, solange du noch Zeit hast.“ Die tiefe, heisere Stimme vibrierte gegen meine Haare und löste ein unwillkürliches Erschauern in meinem Körper aus.

Ich antwortete nicht. Ich drehte mich nur langsam um und blickte dem Mann vor mir ins Gesicht. Die Spannung zwischen uns dehnte sich aus. Meine Hand hob sich zögernd und berührte seine heiße Haut. Meine Finger glitten über seine feste Brust und spürten jede Kontur, jeden Muskel, der sich unter meiner Berührung anspannte.

Seine Augen leuchteten noch intensiver. Die Intensität, die von ihm ausging, war beinahe erdrückend und gefährlich. Bevor ich mich zurückziehen konnte, umschloss seine Hand meine Taille, fest, und zog mich mit Kraft an sich. Die Hitze seines Körpers brannte gegen den meinen, jeder Zentimeter brachte uns noch näher.

Mein Atem stockte.

„Du hast keine Ahnung, mit wem du dich einlässt, Kleine“, murmelte er und streifte mit den Fangzähnen über meine Lippen, bevor er sie mit Gewalt nahm.

Sein Kuss war roh, besitzergreifend. Ohne Zögern, ohne Sanftheit, nur pure Dominanz.

Und ich gab mich ihm vollständig hin.

Seine Berührung brannte und markierte jeden Zentimeter meiner Haut. Er hob mich mühelos hoch, als wäre mein Gewicht nichts. Mein Körper lag bereits gegen die Laken, bevor ich denken konnte.

Seine Hände glitten über meine Schenkel, drückten zu, erkundeten, forderten. Seine Krallen kratzten über meine empfindliche Haut und entlockten meinen Lippen einen stockenden Seufzer.

Meine Nägel liefen über seinen Rücken, hungrig nach etwas, das ich nicht benennen konnte. Mein Herz schlug heftig, ein Rausch, den ich nicht kontrollieren konnte.

Hitze. Verlangen. Das intensive Gefühl von etwas, das alles um mich herum verzehrte.

Und ich wollte mehr!

Heiße, fordernde Lippen bewegten sich hungrig gegen die meinen. Starke Hände zeichneten Wege über meine Kurven und hielten meine Taille mit einem Besitz, der brannte. Ich seufzte, verloren, hingegeben an diese räuberische Präsenz, die mich mühelos beherrschte.

Mein Körper reagierte auf seine Berührung, jede Zelle flehte um mehr.

„Du wirst mir gehören.“ Die heisere, dunkle Stimme hallte in meinen Ohren wider und durchdrang mein ganzes Wesen.

Diese Worte gruben sich in meinen Geist wie eine dauerhafte Marke. Ich versuchte, die Augen zu öffnen, doch alles war verschwommen, verzerrt, als hielte mein Unterbewusstsein mich davon ab, sein Gesicht zu sehen.

Ich wusste nicht, wer er war.

Ich spürte nur. Den holzigen Duft, die erdrückende Intensität, die Hitze eines Raubtiers, das mich verzehrte.

Dann löste sich alles auf.

Ich erwachte plötzlich, das Herz raste, der Atem kurz und schnell. Das Zimmer lag in der Nacht, und eine Welle der Verwirrung traf mich voll. Ich berührte meine Lippen – ich konnte noch den Geschmack des Kusses spüren, den Druck unsichtbarer Hände auf meiner Haut.

Es war nur ein Traum …

Oder nicht?

Meine Haut überzog sich mit Gänsehaut, als ich bemerkte, dass ich nicht allein war.

Da war jemand.

Im hinteren Teil des Zimmers, regungslos zwischen den Schatten, beobachtete mich ein Paar Augen. Erdige Augen, die in der Dämmerung blutrot funkelten. Genau wie in meinem Traum.

Ich blinzelte ein paar Mal, als er einen Schritt nach vorne machte. Das Geräusch seiner Schritte hallte durch das Zimmer, langsam, kontrolliert, räuberisch. Mein Körper zog sich instinktiv zusammen, meine Hände klammerten sich an die Laken, als wären sie mein einziger Schutz.

„Du …“ Meine Stimme kam als heiseres Flüstern heraus, der Geist noch verwirrt zwischen Traum und Wirklichkeit.

Der Alpha trat einen weiteren Schritt vor, und mein Atem stockte, als das schwache Licht sein Gesicht besser enthüllte. Die Pupillen waren geweitet, sein Ausdruck unlesbar. Er beugte sich zu mir hin, und mein Herz sprang mir fast aus der Brust, als ich seinen Geruch spürte, der den Raum beherrschte.

„Schöne Träume?“ Seine Fangzähne kamen zum Vorschein, die Augen halb geschlossen und in luxuriöse Nuancen getaucht. Klar … Er hatte den Geruch meiner Erregung wahrgenommen, den Duft, den der Traum mit dem Unbekannten ausgelöst hatte.

Er atmete tief ein, als würde er meinen Duft in sich aufsaugen, und knurrte leise neben mir. Der Laut hallte durch meinen ganzen Körper, dicht, geladen mit etwas, das mir bis ins Mark schauderte.

„Steh auf.“ Daimon befahl ungeduldig und beobachtete mich mit diesen brennenden Augen, analysierte jede kleinste Reaktion von mir. Dann trat er langsam zurück, aber nicht weit genug, dass ich mich unter seiner Präsenz weniger gefangen fühlte. „Zeit für den zweiten Test, kleines Häschen.“

Ich schluckte trocken und spürte, wie sich jeder Muskel meines Körpers anspannte. Mein Herz war wie ein Sturm in meiner Brust, und ich konnte kaum klar denken. Der Traum schwebte noch über meinem Geist und vermischte sich mit der Realität.

„Zweiter … Test?“ schaffte ich es zu fragen, die Stimme schwach und zögernd.

Er sah mich nur von oben herab an. Mein Verstand schrie danach, ihn zu hinterfragen, doch mein Körper wusste bereits, dass Widerstand zwecklos war.

„Komm.“

Mit Mühe schob ich die Decke beiseite und stieg aus dem Bett. Meine Beine zitterten, doch ich zwang jeden Schritt, um ihm zu folgen. Das Gewicht seines Blicks brannte noch immer auf mir, als könnte er durch meine Haut hindurchsehen.

Ich wurde durch enge, düstere Korridore geführt, an deren Wänden kleine gelbe Lichter verzerrte Schatten über den steinernen Boden warfen. Der Geruch von feuchter Erde und Eisen durchdrang die Luft. Je weiter wir gingen, desto mehr drehte sich mein Magen um, und die Angst setzte sich fest.

Etwas stimmte nicht. Die Stille um uns herum war absolut, nur unterbrochen vom Geräusch unserer Schritte.

Würde er mich töten?

Schließlich erreichten wir eine schwere doppelte Holztür. Daimon stieß eines der Flügel mühelos auf, und ich wurde hineingedrängt. Der Raum davor war ein großer, kreisrunder Saal, erhellt von einem schwachen Licht, das durch eine Öffnung in der Decke einfiel. In der Mitte war ein Kreis auf dem Boden markiert, aus Symbolen, die ich nicht erkannte. Zwei vermummte Gestalten standen an den Seiten des Kreises, doch es war die Frau in der Mitte, die meine Aufmerksamkeit fesselte.

Sie war wunderschön. Ihre ungewöhnlichen Augen waren so blau, dass sie wie ein sternenübersäter Nachthimmel wirkten. Ihr Blick streifte mich neugierig, bevor er sich Daimon zuwandte.

„Lycan-König, also ist dies die der Ernte?“ Ihre Stimme war sanft, durchdrungen von absoluter Autorität. Ihre Aura war so stark – nicht stärker als die des Alphas, aber dennoch beängstigend und intensiv.

„Die Auserwählte …“ Die andere vermummte Frau hob den Kopf in meine Richtung. Ihre Augen waren geschlossen, sie war blind, doch der Tonfall glich dem der ersten Frau. „Ah, eigenartig … Eine Menschin.“

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