Kapitel 2
„Wo wart ihr beide denn so lange?“ Sobald wir mit unseren Motorrädern vor dem Rudelhaus ankamen, wollte mir meine Mutter schon fast wieder an die Gurgel gehen. Für eine Luna war sie besonders herrisch und mäkelte an mir oder an irgendwelchen Dingen herum, die ich angeblich falsch gemacht hatte. In ihren Augen war ich nie gut genug.

Sie war ein winziges Ding mit etwas unter 1,65 Meter und nicht einem einzigen Gramm Fett an ihrem Körper. Luna Ann scheute keine Auseinandersetzung, wenn sie sich was in den Kopf gesetzt hatte. Normalerweise ging sie einfach davon aus, dass ich unrecht hatte, ohne sich auch nur meine Seite der Geschichte anzuhören. Glücklicherweise konnte wenigstens Colt sie durchschauen. Technisch gesehen war sie nämlich nur unsere Stiefmutter, da unsere leibliche Mutter bei unserer Geburt gestorben war. Nicht einmal ein Jahr später hatte unser Vater sie zu seiner neuen Luna gemacht. Colt war unserem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch wenn wir uns ähnlich sahen, kam ich, seit ich klein war, äußerlich doch immer mehr nach Mutter.

„Wir sind gerade im Laden fertig geworden. Wir gehen jetzt gemeinsam laufen und danach treffen wir uns mit Freunden zum Abendessen“, sagte ich, während ich genau vor ihr anhielt.

„Das glaube ich aber nicht! Du hast nicht eine von den Aufgaben erledigt, die ich für dich auf die Liste geschrieben habe.“ Eine kleine Vene drohte auf ihrer Stirn zu platzen.

„Ich hab das alles heute Morgen gemacht! Noch vor der Schule! Vielleicht solltest du erstmal nachsehen, bevor du mich hier beschuldigst, irgendwas nicht gemacht zu haben.“ Ich schrie sie an, denn ich war direkt angepisst.

„Was ist denn hier los?“ Mein Vater, Colt und die Jungs kamen aus dem Rudelhaus gelaufen.

„Sie hat schon wieder die Aufgaben ignoriert, die ich ihr gegeben habe. Außerdem verhält sie sich absolut respektlos. Aber das ist das letzte Mal!“ Sie erhob ihre Hand, um mir eine Ohrfeige zu verpassen. Glücklicherweise schritt Colt ein und packte sie am Arm, bevor sie mich schlagen konnte.

„Du wirst sie nicht schlagen!“, sagte Colt mit vor Wut zusammengekniffenen Augen.

„Du verzogene Göre!“

„Ann, es reicht jetzt! Kris, hast du deine Aufgaben erledigt?“, fragte mich mein Vater mit vor der Brust verschränkten Armen.

„Ja, habe ich. Ich habe sie heute Morgen vor der Schule alle erledigt.“

„Sie lügt!“, kreischte Luna Ann.

„Nein, tu ich nicht!“, schrie ich zurück und zückte mein Handy. „Siehst du?“ Ich hob mein Handy hoch und zeigte meinem Vater eine E-Mail. Absichtlich lief ich um Ann herum, da ich nicht wollte, dass sie es sehen konnte.

„Anscheinend hat sie alles erledigt.“ Mein Vater nickte. „Was hast du heute Nachmittag vor?“

„Emmy und ich wollten zusammen laufen gehen und dann mit den Jungs Pizza essen gehen.“

„Siehst du, genau was ich dir vorhin gesagt habe.“ Colt setzte sich für mich ein.

„Ok, dann viel Spaß bei eurem Lauf“, sagte mein Vater und gab mir mein Handy zurück.

„Ich habe dir auch eine E-Mail mit dem Report von heute geschickt. Ich wollte dich wissen lassen, dass der Sohn von Alpha Marc heute in den Laden kam und nach einem Tattoo über seinen gesamten Rücken gefragt hat. Ich habe ihm die ganzen Formulare mitgegeben und er kommt morgen zu einem Termin, um mit dem Stechen des Tattoos zu beginnen.“

Mein Vater sah mich für einen Moment an. „Um wie viel Uhr?“

„Um sechzehn Uhr.“

„Ok, dann werde ich morgen Nachmittag mal vorbeischauen.“ Er nickte und drehte sich um, um zu gehen.

„Das ist alles? Du bestrafst sie nicht, obwohl sie so frech zu mir war?“ Ann rannte meinem Vater hinterher.

„Was hast du denn gemacht, das sie so auf die Palme gebracht hat?“, fragte Colt.

„Wir sind buchstäblich gerade erst hier vorgefahren. Sie hat hier schon auf uns gewartet, als wir ankamen. Ich kann es echt nicht mehr abwarten, diesen beschissenen Ort endlich zu verlassen. An unserem achtzehnten Geburtstag bin ich hier weg“, sagte ich zu Colt, als Emmy und ich uns auf den Weg zu ihren Zimmern machten, um uns umzuziehen.

„Wegzulaufen ist auch keine Lösung.“

„Was soll sich denn hier ändern? Es wird noch weitere sieben Jahre dauern, bis du Alpha werden wirst. Papa hat bereits gesagt du wirst den Titel erst bekommen, wenn du fünfundzwanzig bist und keinen Tag vorher. Wir werde das hier sicherlich nicht noch sieben Jahre lang mitmachen.“

„Und was ist, wenn dein Gefährte hier ist?“, fragte Colt. Wir waren in meinem Schlafzimmer und alle drei Jungs schauten mich an als hätte ich ihnen ins Gesicht geschlagen.

„Dann hoffe ich, dass er gerne reist. Denn ich werde in den nächsten sieben Jahren um die Welt reisen.“ Ich ging in meinen begehbaren Kleiderschrank und zog mir eine schwarze Spandexshorts und einen neonpinken Sport- BH an, der aus meinem schwarzen Racerback- Tanktop hervorstach.

Als ich wieder herauskam, nahm ich mir ein Haargummi und machte mir damit einen losen Pferdeschwanz. „Schau, ich weiß, dass dir das nicht gefällt. Aber was soll ich denn deiner Meinung nach sonst machen? Ich kann auch nicht alles ertragen. Irgendwann habe ich auch meine Grenzen erreicht, ohne jemanden, der auf meiner Seite steht.“

„Ich steh auf deiner Seite!“, sagte Colt.

„Und dafür liebe ich dich. Aber du kannst auch nicht immer da sein. Außerdem ist es nicht deine Aufgabe, Schläge zu verhindern.“

„Das ist so scheiße“, sagte Colt und sah hinunter auf seine Schuhe.

„Es ist ok. Du hast mich schon härter geschlagen“, sagte ich scherzhaft und nahm mein Handy und meine Ohrstöpsel.

„Das ist doch nicht das Gleiche“, antwortete Colt mit schmalen Augen.

„Ich hab dich lieb, Bruderherz. Aber ich habe keine andere Wahl.“ Als Letztes griff ich mir meine pink- schwarzen Tennisschuhe und zog sie an. „Ich brauche jetzt einen Lauf.“ Ich überlegte, ob ich noch einen Sport- BH anziehen sollte, da meine großen Brüste beim Rennen manchmal wehtaten.

„Fertig?“ Emmy platzte in mein Zimmer.

„Klar!“ Ich war froh, dass sie hier war.

„Bis später, Jungs!“

„Wir gehen in einer Stunde zum Pizzaladen!“, rief Jacob uns hinterher.

„Alles klar!“ Wir rannten aus dem Rudelhaus und ich konnte immer noch hören, wie sich Ann bei meinem Vater über mich beschwerte, während wir an seinem Büro vorbeikamen. Seine Tür stand einen Spalt offen, aber ich wollte nicht in Schwierigkeiten geraten und daher liefen wir einfach daran vorbei.

„Welche Route nehmen wir?“, fragte Emmy, während sie ihre Ohrstöpsel richtete.

„Lass uns heute in Richtung Stadt laufen. Wir können die lange Route zum Pizzaladen nehmen.“ Waldheim war der Name der Stadt, in der sich alle Rudel oft aufhielten. Auch wenn sie nicht zum Territorium eines der Rudel gehörte. Unter anderem befand sich auch unsere Schule in Waldheim.

„Hört sich gut an.“

Wie rannten im gleichen Tempo los. Unsere Beine streckten sich aus und mit jedem weitern Schritt verflüchtigten sich meine Ängste und Sorgen. Alles, was mich so sehr stresste, war einfach verschwunden. Ich hörte nur das Geräusch meiner Füße, die in den Boden einschlugen. Sogar die Musik, die in meinen Ohren spielte, geriet komplett in den Hintergrund.

Wir rannten insgesamt sechzehn Kilometer, bis wir die Stadt erreichten. Sobald unsere Füße auf das alte Kopfsteinpflaster der Straße trafen, hörten wir auf zu rennen, um erstmal zu verschnaufen. „Das hat sich echt wie eine Ewigkeit angefühlt.“ Emmy war wirklich total fertig.

Ich war zwar auch erschöpft, aber nicht so sehr wie sie. „Hat da jemand in letzter Zeit zu viel genascht?“, neckte ich sie. Der Pizzaladen war nur drei Querstraßen entfernt. Bei den Teenagern aus der Oberschule war es ein beliebter Ort zum Abhängen. Sogar die Menschen kamen oft her. Daher war es keine Überraschung, dass es extrem voll war, als wir endlich dort ankamen.

Ich schaute mich um und sah Jacob, der seinen Arm um ein Mädchen gelegt hatte, in der hinteren Ecke des Ladens sitzen. Wir schlängelten uns durch die Leute hindurch und kamen letztendlich am Tisch unserer Freunde an. „Wurde auch langsam Zeit, dass ihr Mädels euch hier blicken lasst.“ Das Mädchen an Jacobs Arm sah mich von oben bis unten an. Sie war ein Mensch und ging mir schon jetzt auf die Nerven.

„Für diese Figur muss man auch was tun. Wo ist mein Getränk?“ Ich schaute auf den Tisch, konnte aber nichts entdecken.

„Colt ist noch nicht da.“ Ace saß gegenüber von Jacob und ein Mädchen versuchte seine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich grinste ihn an und zog eine Augenbraue hoch. Aber er schüttelte nur den Kopf, um mir zu sagen, dass er nichts von ihr wollte.

„Ich glaube dort drüben sind noch Plätze frei. Warum geht ihr beide nicht da rüber und setzt euch hin?“, sagte das Mädchen in Jacobs Arm mutig.

Jacob und Ace warfen sich einen Blick zu. „Was hast du gesagt?“, sagte ich, als ob ich sie nicht gehört hätte.

„Ok, ok. Geh einfach und bestell ein paar Getränke und drei große Pizzas für uns. Ich kümmere mich hier um den Rest“, ging Jacob schnell dazwischen.

„Ja, dann mach das bitte auch“, sagte ich und drehte mich um. Emmy blieb bei den Jungs, während ich mich auf den Weg zum Tresen machte. Ich hatte nicht darauf geachtet, wer vor mir stand, als derjenige plötzlich einen Schritt zurück machte und mir auf den Fuß trat. Das gefiel mir gar nicht.

„Was zum Teufel!“

Grüne Augen sahen mich an, wie ich mir meinen Zeh hielt, und schauten dann auf meinen Körper. Schmetterlinge begannen in meinem Bauch zu flattern. „Das tut mir …“

„Pass auf, wo du hinläufst!“ Ein Mädchen kam zu uns und legte ihren Arm um Alecs Taille.

Was haben diese Schlampen eigentlich immer alle für ein Problem? „Er ist mir auf den Fuß getreten!“, sagte ich, während ich mich aufrichtete. Sie war eine Wölfin und ich hatte kein Problem damit, sie in die Schranken zu weisen.

„Angela, das ist Kris. Sie ist Alpha Brians Tochter.“

Ihre Stimme veränderte sich, aber nicht ihre Haltung oder der Hass in ihren Augen. „Schön dich kennenzulernen“, sagte sie durch zusammengebissene Zähne. Sie reichte mir noch nicht einmal die Hand.

„Ja, ja“, erwiderte ich. Der Tresen war nun frei, also lief ich um sie herum.

„Hi, Kris! Das Übliche?“ Die Kassiererin war aus meinem Rudel und auch in meinem Jahrgang. Ihr Name war Wendy.

„Ja, bitte.“

„Soll ich das bei Alpha Colt auf die Rechnung setzen?“

„Ja, das wäre klasse.“

„Die dumme Schlampe denkt, der Laden gehört ihr“, wisperte jemand hinter mir. Wendys Augen weiteten sich, als ich mich umdrehte.

„Also, versuchen wir das nochmal anders.“ Ich ließ meine Aura auf sie wirken. Ich wollte aber nicht übertreiben, da auch Menschen anwesend waren. „Mein Name ist Kris und als Tochter von Alpha Brian würde ich etwas Respekt erwarten. Wenn du damit ein Problem hast oder das zu schwierig für dich ist, können wir das gerne draußen vor der Tür klären.“

„Das ist nicht nötig. Ich werde mich um ihr respektloses Verhalten kümmern. Bitte akzeptiere meine Entschuldigung in ihrem Namen.“ Alec hatte einen mörderischen Blich in seinen Augen, während er sie wie ein Kind fest am Oberarm gepackt hielt. Sie hatte ihren Nacken immer noch unterwürfig geneigt.

Ich nahm meine Aura etwas zurück und ging einen Schritt nach hinten, damit das Publikum, was wir angezogen hatten, wegschaute. „Ich gebe niemandem eine zweite Chance“, sagte ich und schaute Alec direkt in seine Augen.

„Ist notiert.“

„Ähm, Kris?“, rief Wendy leise hinter mir.

Ich hörte wie Alec die Schlampe mit nach draußen schleifte. „Danke für die Gläser“, sagte ich mit einem Lächeln. Dann nahm ich sie vom Tresen und ging um sie aufzufüllen. Die meisten Leute kannten mich und meinen Ruf. Daher legte sich selten jemand mit mir an.

„Brauchst du Hilfe?“ Als ich mich umdrehte, sah ich Colt mit seiner Freundin Kara von hinten auf mich zuschlendern.

„Ich bitte dich“, sagte ich verächtlich und reichte ihnen zwei Gläser.

„Was war da gerade mit Alpha Alec los?“, fragte Colt.

„Seine Schlampe war total respektlos. Da hab ich ihr gesagt, dass wir gerne vor die Tür gehen können. Aber dann meinte Alec, dass er sich darum kümmern würde. Also hab ich ihn das selbst regeln lassen.“ Wir gingen zurück zu unserem Tisch. Der runde Tisch, den Jacob ausgewählt hatte, war etwas eng. Also mussten wir Schulter an Schulter sitzen und wie es der Zufall wollte wurde ich an Ace gedrückt. Daraufhin nahm er seinen Arm hoch und legte ihn auf die Ablage hinter mir. Es war keine romantische Geste, sondern viel mehr nötig, weil wir sonst nicht hätten essen können.

„Wie war euer Lauf?“, fragte mich das Mädchen in Jacobs Arm schüchtern.

„Der Lauf war gut. Hilft mir immer meinen Kopf freizukriegen“, sagte ich, um die Stimmung wieder etwas zu lockern. Ich konnte erkennen, wie Jacob sich bei meiner Tonlage sichtlich entspannte.

„Ich wünschte, dass es mir auch Spaß machen würde. Aber Laufen war eigentlich nie so mein Ding.“ Sie nahm einen Schluck von ihrem Getränk.

„Also, wie läuft denn das Geschäft, Kris?“, fragte mich Kara. Wir standen uns nicht besonders nah, da ich nicht glaubte, dass sie lange mit Colt zusammen sein würde. Ihm wurde es immer schnell langweilig. Ehrlich gesagt, solange er mir nicht sagt, dass er eine von ihnen wirklich liebt, oder er seine Gefährtin findet, werde ich mich nicht allzu sehr mit seinen Freundinnen beschäftigen.

„Läuft super. Ich habe jetzt schon mehr Einnahmen als im gesamten letzten Jahr.“ Dann kam die Pizza.

„Ich hatte doch gesagt drei große!“, sagte Jacob, während er auf das ganze Essen starrte.

„Ihr drei Jungs esst doch jeder immer schon eine große Pizza allein.“ Colt bestellte normalerweise fünf große Pizzas und sie wurden jedes Mal komplett aufgegessen. Ich hatte keine Ahnung, warum Jacob heute nur drei wollte.

Alle am Tisch fingern an zu plaudern und ich driftete in meine Gedanken ab. Erst als mein Blick auf einem Paar grünen Augen landete wurde ich zurück in die Realität gerissen. Er signalisierte mir, mit ihm nach draußen zu kommen, da er in der Eingangstür stand.

„Ich geh mal kurz raus“, sagte ich. Colt, Kara und Emmy rutschten zu Seite, sodass ich Platz hatte aufzustehen.

„Soll ich mitkommen?“, fragte mich Ace durch die Gedankenverbindung.

„Nein. Er will wahrscheinlich nur sicherstellen, dass ich seine Freundin nicht umbringe.“

Ich fühlte, dass ihm das missfiel. Wir waren zwar nicht zusammen, aber hin und wieder machten wir miteinander rum, wenn wir betrunken waren. Es geschah nie etwas darüber hinaus, aber er war immer etwas eifersüchtig, wenn es um mich ging.

Als ich rauskam, sah ich Alec auf seinem Motorrad sitzen. „Ich war mir nicht sicher, ob du rauskommen würdest oder nicht“, sagte er. Die Härchen an meinen Armen stellten sich augenblicklich auf.

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